Witcher 3: Vom Jäger zum Gejagten

Witcher 3, zwei Reiter im nebligen Wald

Mit The Witcher 3: Wild Hunt setzten CD Project Red im Frühjahr 2015 die Rollenspiel-Reihe rund um den Hexer Gerald fort. Wir haben die Hauptgeschichte nach über fünfzig Stunden Spielzeit beendet und verraten dir, ob das Spiel die vielen Lobpreisungen im vergangenen Jahr verdient hat und auf was du dich beim Eintauchen in die Fantasy-Welt freuen kannst. Selbstverständlich verzichten wir auf Spoiler jeglicher Art.

Entwickelt wurde The Witcher 3: Wild Hunt vom polnischen Studio CD Project Red, welche mit The Witcher im Jahr 2007 ihre erste Eigenentwicklung auf den Markt brachten und direkt große Erfolge erzielten. Auch dessen Nachfolger The Witcher 2: Assassins of Kings konnte die Kritiker und Spieler gleichermaßen überzeugen. Vor allem die Charaktere und die schmutzige Mittelalter-Fantasy-Welt waren seit jeher ein Alleinstellungsmerkmal der Reihe. The Witcher 3: Wild Hunt erschien am 19. Mai 2015 und stellt das Ende der Trilogie dar.

Die Geschichte der Spielereihe basiert auf den Büchern über Gerald vom polnischen Autor Andrzej Sapkowsi. Neben diesen Romanen und den Videospielen gibt es auch eine kleine Fernsehserie sowie ein Pen-&-Paper-Rollenspiel. Für das kommende Jahr 2017 ist außerdem ein Kinofilm geplant.

Statt wie in The Elder Scrolls oder der Gothic-Reihe die Kontrolle über einen namenlosen Helden zu übernehmen, schlüpft man in Witcher 3 in die Rolle von Gerald von Riva, einem Hexer und Monsterjäger. Was Anfangs noch nach einer banalen Designentscheidung klingt, entpuppt sich im Laufe des Spiels zu einem wichtigen Aspekt, der sowohl die Erzählweise als auch den Umgang der Menschen mit dem Spielcharakter beeinflusst. Um mehr über den Anfang von Witcher 3 zu erfahren, kannst du einen Blick auf unsere Artikel „Witcher 3: Aller Anfang ist schwer“ und „Witcher 3: Kenne deinen Feind“ werfen. In diesen bringen wir dir die ersten Stunden des Spiels näher und du bekommst einen guten Eindruck davon, wie die einführenden Schritte im Spiel gestaltet sind und wie sie sich anfühlen. Hier sei nur noch einmal erwähnt, dass Hexer nicht unbedingt überall in der Welt erwünscht sind und sich dadurch interessante Beziehungen entwickeln.

Wo wir schon einmal beim Stichwort „Welt“ sind, kann ich dir direkt verraten, dass diese vom kleinsten Nebenzimmer eines Bauernhauses bis hin zu den Häfen der Städte im Norden durchweg großartig gestaltet ist. Ich hatte anfangs meine Zweifel, ob das detaillierte Design der Welt konstant bis zum Spielende beibehalten werden kann, aber ich wurde nicht enttäuscht. Wo andere Rollenspiele mit generisch wirkenden Umgebungen aufwarten, entdeckt man mit Gerald an jeder Ecke in Witcher 3 neue Geheimnisse und Orte, die sogleich mit einer kleinen Aufgabe oder langen Questreihe aufwarten. Wenn dir das Erkunden von großen offenen Welten in Rollenspielen Spaß macht und du gerne jeden Winkel erforschen möchtest, bist du bei Witcher 3 genau richtig. Dank der kaum vorkommenden Ladezeiten kannst du die großen Gebiete ohne Unterbrechungen erkunden und wirst auch nach vielen Spielstunden noch neue Sehenswürdigkeiten entdecken, mit denen du dich noch einmal deutlich länger beschäftigen kannst als die rund fünfzig Stunden der Hauptgeschichte.

Witcher 3 Questgeber
Aufträge gibt es an jeder Ecke.

Egal, wo der Hexer sich gerade herumtreibt, überall warten Aufgaben auf ihn. Gerald besitzt als Monsterjäger die Gabe, Gerüche und andere Umwelteinflüsse besonders stark wahrzunehmen. Dies hilft nicht nur beim Aufspüren von Ghulen, Geistern oder sonstigen unliebsamen Zeitgenossen. Auch, wenn man sich nach einem verloren geglaubten Schatz oder einer vermissten Person umsieht, sind die scharfen Sinne, die per Knopfdruck aktiviert werden können, von Vorteil. Die Aufträge sind dabei stets passend in die Welt integriert und die Menschen treten immer mit glaubwürdigen Interessen an den Spieler heran, wodurch man sich bereits nach wenigen Minuten in die Welt hineingezogen fühlt.

Wer eine epische Geschichte erzählen will, der muss auch motivierende und durchweg glaubwürdige Dialoge schaffen. Die Vertonung jedes noch so kleinen Charakters in Witcher 3 ist hervorragend gelungen. Sowohl große Sprechrollen der Hauptfiguren als auch die mit britischem Akzent sprechenden Zwerge wurden passend eingesprochen. Ich empfehle an dieser Stelle jedem Witcher 3 in der originalen Vertonung zu spielen. Die deutschen Sprecher sind auch passend gewählt, wiederholen sich allerdings etwas zu oft, was nicht jedem Spieler gefallen wird. Ein ähnliches Problem gab es auch bei Skyrim. Wenn du dort über die geringe Anzahl an Sprechern hinwegsehen konntest, solltest du bei Witcher 3 auch kein Problem damit haben.

Obwohl praktisch jedes kleine Gespräch mit dynamischen Kameraeinstellungen gespickt ist und dadurch an Spannung und Sogwirkung gewinnt, kann Witcher 3 bei den großen Missionen zusätzlich glänzen. Durch viele Nebencharaktere, denen man auf den Reisen begegnet, wächst einem die Kerngruppe rund um Gerald, Yennifer und Co. schnell ans Herz und man fiebert bei jeder Zwischensequenz mit, was wohl als nächstes passieren wird. Auch, wenn es mal nicht actionreich zugeht und die Gruppe stattdessen nur am Lagerfeuer miteinander spricht. Das häufig auftretende Problem bei Spielen mit einer offenen Welt, dass man den roten Faden verliert und die Hauptgeschichte kaum noch im Gedächtnis behält, tritt bei Witcher 3 nicht auf. Jederzeit schwirren einem Gedanken über das nächste Ziel der Hauptmission im Kopf herum und deren Ausgang kann nie vorhergesagt werden.

Witcher 3 Leiche
Der arme Kerl ist wohl auf einen Legostein getreten.

Es bleibt natürlich in Witcher 3 nicht zwangsläufig nur bei netten Gesprächen, zumal gerade die Monster, die sich Gerald in den Weg stellen, oftmals nicht kampflos ihren Kopf hergeben. Aber auch diverse Fauskämpfe gegen wütende Wirtshausbesucher finden immer mal wieder in den Hinterhöfen statt. Das Kampfsystem ist hierbei schnell zu erlernen aber schwer zu meistern. Prinzipiell gibt es nur einen harten und einen leichten Schlag sowie diverse Ausweichmöglichkeiten und Zauber. Die punktgenaue Kombination dieser Fertigkeiten will aber gekonnt sein und variiert häufig zwischen verschiedenen Gegnertypen. Nach einem Levelaufstieg kann zusätzlich ein Fähigkeitenpunkt auf verschiedene Attribute verteilt werden, welche die Zauber des Hexers verbessern und teilweise auch grundlegend verändern können. Beispielsweise können Kontrahenten im Gespräch mit dem richtigen Zauberspruch beeinflusst und so gefügig gemacht werden. Hierfür ist eine bestimmte Stufe des Zaubers von Nöten. Wer alle Mechaniken des Kampfes in Witcher 3 beherrscht, kann jeden Kampf mit genügend Können und Konzentration ohne Schaden zu erleiden für sich entscheiden.

Bei den Duellen gegen besondere Arten von Gegner solltest du vor dem Kampf unbedingt einen Blick in das Bestatium werfen. Hier werden dir, sofern du diesen schon einmal begegnet bist odersoe dir erzählt wurden, die Mali und Schwächen der Gegner angezeigt, welche du dann im Kampf gegen sie verwenden kannst. Unter anderem sind verschiedene Öle, in welche du deine Schwerter tauchen kannst, oder die vielen verschiedenen Tränke für den Kampf sehr nützlich. Die Auswahl des richtigen Zaubers lässt sich auch anhand des Gegnertyps festmachen. Beispielsweise lassen sich Geister mit einer magischen Falle besser bekämpfen und sind verwundbarer. Man entwickelt recht schnell ein Gefühl für die Auswahl und ist bei häufig auftretenden Gegnern später nicht mehr auf das Bestarium angewiesen.

Wenn du lieber mit Worten anstatt der blanken Gewalt zum Ziel kommen möchtest, bietet dir das Kartenspiel Gwent eine zusätzliche Option. Du kannst gegen die meisten Bewohner in einem Duell antreten, wodurch manchmal Kämpfe gänzlich vermieden werden können. Ein anderes Mal erhält man nur stärkere Karten. Gwent bietet mit unzähligen Karten und viel taktischer Tiefe eine nette Abwechslung im harten Hexer-Alltag. Falls du Kartenspiele – so wie ich – eher weniger leiden kannst und lieber über Dialoge oder Kämpfe deinen Willen durchsetzt, ist dies in Witcher 3 auch möglich. Gwent ist komplett optional und muss nur einmal im Tutorial gespielt werden. Anfragen von Gesprächspartnern kannst du fortan ablehnen.

Falls du alle seltenen Karten erhalten möchtest, solltest du die Gwent-Aufgaben immer direkt nach dem Erhalt erledigen. Es kann nämlich passieren, dass Widersacher zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr am selben Ort anzutreffen sind, weil sie durch die Hauptgeschichte weitergereist oder anderweitig verhindert wurden. Das gilt auch für einige Nebenquests, die ab bestimmten Punkten im Spiel nicht mehr abschließbar und somit als „fehlgeschlagen“ markiert sind.

Witcher 3 Kampf
In den Kämpfen wird dein Können auf die Probe gestellt.

Zur Hauptgeschichte möchte ich zwecks der Vermeidung von Spoilern nicht viel verraten. Damit du viel von der Welt zu Gesicht bekommst, wirst du im Laufe dieser zu vielen abwechslungsreichen Orten geführt. Die mitreißende Erzählung ist durchweg logisch aufgebaut und kommt zu einem zufriedenstellenden Abschluss. Um nach längeren Pausen wieder in die Geschichte eingeführt zu werden, wird bei den Ladezeiten der aktuelle Stand vorgetragen und mit Artworks untermalt. So weißt du direkt wieder, wo du stehengeblieben bist.

Ein schönes Detail ist, dass sich die Spielwelt mit dem Fortschritt in der Hauptgeschichte dynamisch verändern kann. Sie wird dadurch von einer passiven Umgebung zu einem eigenständigen Charakter, dem man Entscheidungen spürbar ansehen kann. Witcher 3 greift dabei auch einige Themen auf, die in Videospielen normalerweise recht selten anzutreffen sind. Rassismus ist in manchen Städten im Spiel an der Tagesordnung – Elfen, Zwerge und andere nicht-menschliche Rassen werden konsequent verfolgt. Auch Nebenaufträge und kleinere Begegnungen am Straßenrand wirken sich auf die Welt aus. Wenn wir beispielsweise bei der Säuberung eines verfluchten Dorfes helfen, können wir dort fortan beim Händler unsere Vorräte aufstocken.

Bei der Fülle an Aufträgen, die man in der Welt finden kann, kommt es ab und an vor, dass man einen gesuchten Gegner oder einen vom Questgeber gewünschten Gegenstand bereits findet, bevor man die Aufgabe erhält. Auch hier reagiert das Spiel dynamisch auf deinen Fund und die Dialoge werden entsprechend angepasst. Man muss so einen gefährlichen Bären, der ein Dorf unsicher macht, kein zweites Mal tötet, wenn man den Auftrag erst später annimmt. Sammelbare Objekte, welche man für den Abschluss einer Quest besorgen muss, befinden sich dauerhaft in der Welt anstatt erst zu erscheinen, wenn man sie beschaffen muss. Dies trägt ungemein zur Glaubwürdigkeit der Umgebung bei.

Wer mit halbwegs ernsthaften und Serien wie Game of Thrones, welches auch in einer dreckigen und kargen Mittelalter-Welt spielt, seine Freude hat, kommt bei Witcher voll auf seine Kosten. Das Land ist übersät mit Leid, Hunger und Elend. Die herrschenden Kreise trachten nach Macht und an jeder Ecke gibt es Intrigen und Hinterhalte. Als Spieler kannst du dich in die höhere Politik der Kontinente einmischen. Du kannst aber auch als passiver Zuschauer nichts tun und nur deinen eigenen Interessen folgen.

Witcher 3 Berg
Die große Welt kannst du jederzeit frei erkunden.

Grafisch macht Witcher 3 trotz des Downgrade-Skandals kurz vor der Veröffentlichung eine tolle Figur. Die Spielwelt ist riesengroß und dennoch lassen sich überall kleine Details feststellen. Die Städte und Häuser sind wundervoll und abwechlungsreich gestaltet und lassen sich ohne Ladezeiten betreten. Einzig die Höhlen und Katakomben, die man erforschen kann, ähneln sich auf Dauer und wirken oft recht trist. Auch die Animationen von Menschen, Monstern und Umgebungseffekten können sich sehen lassen. Mit Nvidia Hairworks werden die Frisuren der Charaktere und die Felle der Tiere noch besser dargestellt, was allerdings deutlich die FPS verringert. Da die Haare mit deaktivierten Nvidia-Effekten auch ordentlich animiert sind, habe ich mich persönlich für die höhere Bildwiederholrate entschieden.

Wie bereits erwähnt, lässt der Sound des Spiels ebenfalls keine Wünsche offen. Die Dialoge sind passend vertont, der Soundtrack passt sich ans Geschehen an und die Hintergrundgeräusche wirken allesamt realistisch. Auch die Zauber- und Kampfeffekte warten mit wummernden Bässen und atmosphärisch klirrenden Schwertern auf. Einzig, dass verschiedene NPCs ihre vorgegebenen Zeilen bei fast jedem Kontakt mit dem Spieler wiederholen, kann auf Dauer etwas störend wirken.

Bugs findet man in Witcher 3 für ein Spiel diesen Ausmaßes relativ selten. Das heißt nicht, dass es keine gibt. Vor allem mit kopierten Spieldaten und der Einbindung verschiedener Speicherstände hat das Spiel seine Probleme. Folgen davon sind beispielsweise NPCs, die sich nicht mehr bewegen und daher das Abschließen einer Quest unmöglich machen, oder Gegner, die nicht als solche markiert sind und daher nicht angegriffen werden können. Monster, die im Boden spawnen und somit nicht angegriffen und getötet werden können, sind mir auch ein paar mal vorgekommen. Abhilfe schafft dabei meist die Überprüfung der Daten auf Fehler über den GOG-Client. Wenn das nichts bringt, muss Witcher 3 wohl oder übel noch einmal komplett neu installiert werden. Das ist besonders nervig, wenn das eigene Internet nicht besonders schnell ist und man das Spiel nicht als Disc-Version besitzt.

Mit der  Minimap direkt im Spiel kann man seine direkte Umgebung ohne Probleme gut erkunden. Die große Karte im Menü stellt leider das genaue Gegenteil dar. Es ist nämlich nicht möglich sich alle Quests gleichzeitig auf dieser markieren lassen. Stattdessen muss man diese nacheinander auswählen und dann zurück zur Karte wechseln, um zu sehen, wo sich der angewählte Auftrag befindet. Das ist besonders zeitaufwändig, wenn man in einem Areal dutzende offene Missionen hat und die sucht, der einem am nächsten ist. Glücklicherweise finden sich hierfür einige Modifikationen, die die Karte an die eigenen Wünsche anpassen und diverse Mankos beheben.

Der größte Kritikpunkt sind die fummeligen Menüs, zu denen auch die angesprochene Karte und das Questlog gehört. Ebenso das Inventar und der Alchemie- und Crafting-Bereich sind weder mit dem Gamepad noch mit Maus und Tastatur richtig gut steuerbar. Die sich schnell füllenden Listen an herstellbaren Tränken wächst schnell, sodass man mitunter einige Zeit nach dem passenden Rezept sucht. Da helfen auch die spärlichen Filtereinstellungen nicht mehr.

Witcher 3 Gerald und Ciri
Gerald und Ciri sind zentrale Charaktere in Witcher 3.

Mein Fazit zu The Witcher 3: Wild Hunt

The Witcher 3: Wild Hunt ist ein Rollenspiel-Epos, welches derzeit seinesgleichen sucht. Jeder Aspekt des Spiels ist liebevoll gestaltet und die Geschichte bleibt die gesamte Reise lang interessant und strotzt nur so vor unvergesslichen Momenten, an die man sich noch lange Zeit erinnern wird. CD Project Red haben die von der Kritik geliebten Vorgänger noch einmal übertroffen und sich mit einer fairen Preisgestaltung und kostenlosem DLC einen guten Ruf in der Branche erarbeitet. The Witcher 3 hat sich den Platz auf dem Thron der besten Spiele des vergangenen Jahres redlich verdient. Du kannst dich auf ein hochgradig spannendes Abenteuer mit dem Hexer Gerald von Riva freuen, welches dich viele Stunden in seinen Bann ziehen wird.