Wie ein Perspektivwechsel Genesis zum eindrucksvollsten Darksiders werden lässt

Darksiders Genesis Banner

Als bekennender Darksiders-Fan der ersten Stunde war ich wie viele andere auch anfangs skeptisch, was ich von Darksiders Genesis halten sollte. Auf der eine Seite war man natürlich nach der ungewissen Zukunft der Reihe froh darüber, endlich das Universum der vier apokalyptischen Reiter wieder besuchen zu dürfen. Andererseits wurden Stimmen laut, dass Genesis doch nur ein mittelmäßiger Diablo-Abklatsch sei und das Spielgefühl kaum an die vorherigen Iterationen erinnert. Ohne große Erwartungen stürzte ich mich dennoch selber ins Getümmel und war insbesondere auf den Koop-Aspekt gespannt, der Genesis von seinen Vorgängern abhob. Darksiders Genesis wurde trotz mehrfachem Neustart-Zwang schlussendlich zu meinem Liebling der Reihe und es ist daher an der Zeit, das vermeintliche schwarze Schaf der Darksiders-Historie, welches unseren Banner seit Monaten ziert, näher zu beleuchten.

Moment, mehrfacher Neustart-Zwang? Was hat es denn damit auf sich? Nun, unser erster Playthrough wurde leider durch einen Absturz während eines Speichervorgangs abrupt beendet und ich nahm mir vor, erst nach einigen Updates erneut vorbeizuschauen. Auf dem PC war der Titel in diversen Aspekten einfach noch zu unfertig und man kämpfte nicht nur gegen Engel und Dämonen, sondern auch gegen Bugs, Glitches und Abstürze, welche mitunter dafür sorgten, dass man entweder ein Level nicht beenden konnte und einige Stunden Spielzeit für die Katz waren oder gleich den kompletten Fortschritt zunichte machten. Schade, denn schon die ersten Gehversuche machten zu meiner Überraschung ordentlich Laune! Inzwischen hat Darksiders Genesis einige helfende Updates erhalten, sodass unser zweiter richtiger Spielanlauf auch bis zum Ende hin funktionierte. Ich weise dennoch darauf hin, dass man das Spiel auch Ende 2020 nicht gänzlich von Fehlern befreit genießen kann. Diese hindern einen allerdings in den seltensten Fällen am Weiterspielen und lassen sich wohl am ehesten mit einem nervigen Stein im Schuh Vergleichen – störend, aber nicht das Ende der Welt. Wobei letzteres ja irgendwie sogar Teil von Darksiders ist.

Seit jeher bin ich ein großer Bewunderer des Grafikstils von Darksiders, welcher schon im ersten Teil von 2010 für frischen Wind im Action-Adventure-Genre sorgte. Über die Jahre habe ich wohl ein Faible für überzeichnete und stark stilisierte Spielwelten entwickelt, was wohl nicht zuletzt an meiner Verbindung zu World of Warcraft liegt. Auch dort hat die fantasievolle Welt ein breit gefächertes Farbspektrum zu bieten und stellt viele Objekte stark überzeichnet und überdimensional dar, was wohl zur Veröffentlichung des MMO noch den damaligen technischen Einschränkungen geschuldet war. Inzwischen hat sich das überdrehte Herausarbeiten von Details allerdings auch dort zum festen Bestandteil des MMO entwickelt und spiegelt sich meiner Meinung nach auch in der Darksiders-Reihe wieder, welche einen ganz ähnlichen optischen Fokus setzt. Den Vergleich beider Spiele zog ich übrigens schon in unserem Review zum ersten Darksiders, welches ich Anfang letzten Jahres aus Hunger nach mehr Apokalypse – man wusste ja nicht, was 2020 noch alles so passieren würde – noch einmal durchspielte. Ich halte diese Gegenüberstellung auch für Genesis sehr passend und wage zu behaupten, dass er hier sogar am besten zur Geltung kommt und seine wahre Faszination am umfassendsten entfalten kann.

Grund für diese These ist der für Darksiders erstmalige Wechsel der Kameraperspektive, mit dem sich Genesis mehr als jeder Teil zuvor von den Wurzeln der Reihe entfernte und gänzlich neue Wege ging. Statt wie in den vorherigen drei Ablegern üblich aus der dritten Person auf die Spielfigur zu schauen und es damit den Genre-Vätern gleichzutun, entschied man sich bei Genesis für die Vogelperspektive und alle damit verbundenen Vor- und Nachteile. Doch schon nach kurzer Zeit im ersten Level fällt auf, dass der Blick von oben eine ganz neue Sichtweise auf Darksiders offenbart. Es werden deutlich mehr Ansichten geboten, die den meiner Meinung nach unfassbar gut gelungenen visuellen Stil unterstreichen und nun viel präsenter auf dem Bildschirm präsentieren können, als das aus der ursprünglichen dritten Person je der Fall gewesen wäre. Schon die ersten Schritte entlang einer Steilklippe offenbaren ein Panorama, welches man so in vorherigen Teilen wohl nur mit aktiver Kameraarbeit ähnlich genießen hätte können. In Genesis erfolgt die Offenbarung epischer Szenerien nun ganz natürlich durch das weite Sichtfeld und ermöglicht dem Spieler so einen erweiterten Blick in die Tiefe, wovon auch die Architektur der Level profitiert.

Wo man im ersten Darksiders zuweilen noch durch recht eintönige graue Gänge lief und dabei kaum mehr als ein paar steinerne Wände zu Gesicht bekam, strotzt Genesis nun vor optischen Highlights und bietet nicht selten malerische farbenfrohe Bilder. Obwohl der Blickwinkel deutlich verändert wurde und man sich nun viel weiter weg vom eigentlich Geschehen befindet, ist ein merkliches Upgrade der Technik an vielen Stellen zu spüren. Neben einer deutlich breiteren Farbpalette wurden auch Animationen und Effekte auf ein modernes Niveau gehoben. Insbesondere das Glühen der Lava in den Tiefen der Höllenwelten und der diesige Nebel, der eine schaurig-bedrückende Atmosphäre zu erzeugen vermag, können mit vielen aktuellen AAA-Titeln durchaus konkurrieren. Auch die sehr scharfen Texturen sorgen dafür, dass sich Darksiders Genesis mit Leichtigkeit den Preis für den hübschesten Teil der Reihe einverleiben darf. Gleichzeitig ist es nun durch die Vogelperspektive möglich, die Umgebung auch ohne aktives Umschauen bewundern und so ganz nebenbei wundervolle visuelle Eindrücke genießen zu können, ohne dabei den Spielfluss unterbrechen zu müssen.

Darksiders Genesis Ansicht Schnee
Der Blick in die Tiefe wird in Darksiders Genesis visuell perfekt eingesetzt!

In vorherigen Teilen ertappte ich mich hin und wieder dabei, an besonders imposanten Orten stehen geblieben zu sein und mit langsamen Kamerafahrten die Umgebung aufgesogen zu haben. In Genesis werden Action und Dialog-Momente nun nicht durch selbstständiges Umschauen unterbrochen, stattdessen geschieht das Aufsaugen der weltlichen Eindrücke nun parallel und fungiert als zentralerer Bestandteil des Designkonzepts. Dabei werden auch ohne Worte mithilfe der Levelgestaltung Gegebenheiten und Geschichten vermittelt, die beide Charaktere während des Umherstreifens kommentieren. Besonders im Koop, in welchem ein Spieler War und der andere Strife kontrolliert, funktioniert letzteres überraschend gut – die beiden Reiter entdecken gemeinsam mit den Spielern die Welt und stellen so gekonnt ein Bindeglied dar. Ich spreche die Empfehlung aus, Genesis unbedingt zu zweit anzugehen. Zwar ist das Abenteuer auch als Solist bestreitbar, der Fokus liegt allerdings auf dem kooperativen Spielerlebnis, welches den Spaßfaktor immens erhöht. Die gut geschriebenen und tadellos vertonten Charaktere helfen in beiden Fällen bei der Immersion.

Man darf sich an dieser Stelle auch darüber freuen, dass Genesis trotz des Kamerawechsels in eine für das Genre außergewöhnliche Stellung keine Gameplay-Einbußen im Vergleich zu seinen Vorgängern zu verzeichnen hat. Eher ist das Gegenteil der Fall – mir persönlich hat es noch nie so viel Spaß gemacht, mit Wars Großschwert – liebevoll Chaosfresser genannt – dutzende Himmelskrieger und Höllenausgeburten zu zermalmen! Vielmehr profitiert neben der prominenteren Visualisierung nämlich auch das Gameplay von der geänderten Perspektive. Der offensichtlichste Vorteil ist natürlich, dass die Kamera nun Koop ermöglicht und trotz Teilung des Bildschirms die Übersicht nicht verloren geht. Aus der dritten Person betrachtet wäre das Sichtfeld hier für die actionreichen Kämpfe viel zu eingeschränkt.

Nur ein Diablo-Abklatsch? Darksiders Genesis ist abwechslungsreicher und unterhaltsamer als Diablo 3!

Überhaupt sind die Kämpfe ein gutes Stichwort, denn in Genesis fühlen diese sich besser an denn je. Obwohl man vermuten würde, dass die Distanzierung des Blickwinkels auch mit einem weniger dichten Kampfgefühl korreliert, war zu meiner Überraschung das komplette Gegenteil der Fall. Wars Angriffe fühlen sich kräftig wie immer an und man sieht als Spieler dank des vergrößerten Sichtbereichs mehr von den wuchtigen Schlägen seines Zweihänders. Besonders die Macht der Spezialangriffe wird nun viel sichtbarer, da diese sich oftmals von War in alle Richtungen ausbreiten und einen großen Teil des Bildschirms überrollen. Auf der Seite von Strife, der viel lieber mit seinen zwei Pistolen hantiert, spielt sich Genesis zuweilen wie ein klassischer Twin-Stick-Shooter, was für ein deutlich anderes Gameplay-Gefühl sorgt. Für beide Charaktere gilt, dass die farbenfrohen und mit Effekten übersäten Kämpfe durch die Draufsicht an Übersichtlichkeit gewinnen, ohne dabei etwas von der serientypischen Kraft und zu verlieren.

Die Darksiders-Reihe war seit jeher auch dafür bekannt, neben den Kämpfen knifflige Rätsel- und Sprungpassagen zu bieten. In guter Tradition sorgt natürlich auch Genesis für reichlich Abwechslung neben dem brachialen Gemetzel. Die weitläufigen Karten bieten neben zuweilen ziemlich kniffligen Nebenaufgaben das eine oder andere große Rätsel, in welchem die beiden Spieler oftmals geschickt zusammenarbeiten und die unterschiedlichen Fähigkeiten von War und Strife in Symbiose einsetzen müssen. So kann Strife beispielsweise Portale erzeugen, durch welche War dann seine brennende Wurfwaffe schleudern kann, um Explosionen auszulösen. Zusammenarbeit ist insbesondere dann Pflicht, wenn man alle Sammelobjekte bekommen möchte. Beim Jump’n’Run kommt es zwar aufgrund der Perspektive hin und wieder zu Fehleinschätzungen bezüglich der Distanz zu Plattformen und Größe eben derer, dies wird allerdings durch die teils schwindelerregenden Szenerien im Hintergrund wettgemacht. Waghalsige Sprünge sorgen einfach viel öfter für stockenden Atem, wenn man sieht, wie tief es zwischen den Klippen nach unten geht.

Dank des insgesamt deutlich variableren Gameplays kann ich für mich persönlich behaupten, dass Darksiders Genesis vor allem für Koop-Freunde im Vergleich zu Diablo das deutlich bessere und vor allem abwechslungsreichere Spiel ist. Insbesondere bei den Bosskämpfen kann das oftmals fälschlicherweise zum Vergleich herangezogene Diablo 3 in keiner Weise mit Darksiders mithalten. Ich weiß, es ist fast unmöglich, die beiden Spiele zu vergleichen – ich wollte diese rein subjektive Meinung hier trotzdem niederschreiben. Vor allem deshalb, weil Genesis anfangs viel zu oft und völlig zu unrecht als Diablo-Abklatsch abgetan wurde. Dabei ist es so viel mehr als das.

Darksiders Genesis Spezialangriff
Spezialangriffe wirken dank der Vogelperspektive kraftvoller denn je!

Mein Fazit zu Darksiders Genesis:

Mit seinen Vorgängern teilt Darksiders Genesis das fantastische Universum und die grandiose Optik, in Sachen Gameplay wagt das Spiel mutige Schritte in neue Gefilde. Die gravierenden Unterschiede führten leider dazu, dass einige direkt von vornherein abgeschreckt waren und dem meiner Meinung nach besten Teil der Reihe gar keine Chance geben wollten. Genesis ist voll mit Eindrücken, die erst dank der neuen Kameraperspektive wirklich zu Geltung kommen und im Rahmen der alten Serienteile so nicht umsetzbar gewesen wären. Für mich ist Darksiders Genesis der Teil, in dem die wundervolle und stilsichere artistische Gestaltung mit Abstand am meisten glänzen kann. Gleichzeitig wirkt das Gameplay auf voller Breite knackig wie nie zuvor und Level sind allesamt sowohl visuell als auch spielerisch hochgradig abwechslungsreich. Der zweckmäßigen und dennoch spannenden Handlung werden sowohl Veteranen als auch Neulinge gut folgen können – ersteren Empfehle ich den Kauf definitiv. Aber auch Koop-Freunden, die bisher nur entfernt mit Darksiders zu tun hatten, finden mit Darksiders Genesis ein höllisch gutes Action-Abenteuer, das zu spielen mir unheimlich viel Freude bereitete. Ich für meinen Teil bin jedenfalls offen für ein Darksiders Genesis 2 mit Fury und Death, die sich ja auch noch irgendwo herumtreiben müssen…

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Dieses Review zu Darksiders Genesis ist der erste Beitrag im Rahmen der Neuorientierung vom Videospielkombinat! Was wir fürs Jahr 2021 geplant haben, erfährst du in unserem Beitrag „Fünf Jahre Videospielkombinat – Über Vergangenheit, Zukunft & einen Blog im Jahr 2021