Eine Einladung in ein abgelegenes Anwesen im ländlichen Raum Irlands – das schreit nicht gerade nach Wellness-Urlaub für den Detektiv. Der Brief aus der Blake Manor gleicht einem Hilferuf, denn eine gewisse Miss Evelyn Dean ist verschwunden und soll von uns aufgespürt werden. Ganz nebenbei gilt es noch, die anderen Gäste vor der Teilnahme an einer außerweltlichen Zeremonie abzubringen. Unser Test klärt, weshalb The Séance of Blake Manor trotz stillstehender Zeit stressig werden kann und warum es sich auch als Spiel für gemeinsame Abende mit Freunden wunderbar anbietet.
The Séance of Blake Manor wurde im Winter bis Frühjahr des Jahres 2026 von drei Mitgliedern des Videospielkombinats durchgespielt und dabei ausführlich getestet.
Drei Elemente prägen die Spielerfahrung in The Séance of Blake Manor besonders stark: Die vielen unterschiedlichen Figuren und ihre Hintergründe, das Herrenhaus der Familie Blake selbst und insbesondere die geschickte Einbindung des Faktors Zeit. Spielerisch geht es eher gemächlich zu, überaus versiert im Umgang mit Maus und Tastatur oder Gamepad muss man nicht sein. Ruhiges, analytisches Denken und ein gewisses Zeitmanagement zählen – und auf letzterem fußt das komplette Design des Spiels.
Regentropfen fallen vom pechschwarzen Nachthimmel bei unserer Ankunft an der Blake Manor. Die hohen Außenwände des Hauses werden nur durch die große Treppe samt massiver Tür und den vielen Fenstern auf den zwei Stockwerken unterbrochen. In einigen brennt noch Licht. Als wir uns auf den Eingang zubewegen, erscheint uns eine Gestalt am Springbrunnen vor der Treppe und verschwindet dann genauso schnell, wie sie gekommen ist.
Rasch merkt man, dass hier nicht alles mit irdischer Logik zu erklären ist und dass übernatürliche Kräfte am Werk sind. Auch das Gespräch mit dem Portier wirft mehr Fragen auf, als es klärt. Wir haben es wohl nicht nur mit einem Vermisstenfall zu tun, sondern auch mit einem ziemlich schrägen Ort voller seltsamer Geschehnisse. Zeit, Licht ins Dunkel zu bringen – und zwar schnell, denn uns bleiben nur wenige Tage, um alles Unerklärliche zu klären.

Die Uhr tickt anders, als man es von anderen Spielen kennt. Denn grundsätzlich steht die Zeit in The Séance of Blake Manor still. Wir können uns also frei bewegen, oder minutenlang überlegen, was als nächstes zu tun ist. Sobald man allerdings mit einem Objekt interagiert, mit einer Person spricht oder bestimmte Events auslöst, verrinnt die Zeit. Eine geniale Mechanik, denn während so alle Zeit der Welt besteht, um sich die kommenden Schritte zu überlegen, so schafft man dennoch selten alles, was man sich vornimmt. Erstens, weil noch am selben Wochenende eine Séance, also die Anrufung einer bereits verstorbenen Person, stattfinden soll und zweitens, weil alles im Spiel einem klaren Zeitplan folgt – die Veranstaltungen im Herrenhaus, die Tischzeiten und auch die Aktivitäten der Gäste selbst.
Wo hält sich wann wer auf? Dieser essentiellen Frage geht man in The Séance of Blake Manor immerfort nach. Zu Beginn ist grundsätzlich jede der anwesenden Personen, die allesamt aus verschiedenen Gründen an der besagten Séance teilnehmen möchten, auch verdächtigt, am Verschwinden von Evelyn Dean beteiligt zu sein. Um Hinweise zu finden, müssen die richtigen Figuren zur richtigen Zeit angesprochen oder vermieden werden. Wenn wir herausgefunden haben, dass eine Person ab 16:00 Uhr einer Veranstaltung beiwohnt, wissen wir gleichzeitig auch dass sie nicht in ihrem Zimmer ist. Da ließe sich ja vielleicht der alles entscheidende Gegenstand finden!
„Die spannungsvolle Nutzung des Faktors Zeit macht The Séance of Blake Manor unvergesslich.“
Gesammelte Informationen fasst The Séance of Blake Manor ganz automatisch in diversen sehr übersichtlichen Menüs zusammen. Für meinen Geschmack zuweilen sogar zu ausführlich. Denn hat man bestimmte Hinweise gefunden, werden automatisch weiterführende Pfade auf dem Clueboard aufgedeckt. Diese sind mitunter so präzise, dass man von den Schlussfolgerungen der Spielfigur beeindruckter ist als von den eigenen Detektiv-Fähigkeiten. Die Automatisierung ist insgesamt aber nötig, da es wirklich eine riesige Menge an Informationen und Möglichkeiten gibt, diese zu finden und zu verwerten. Analytisches Denken im Bezug auf Zeitplanung und Informationsbeschaffung gehen hierbei eine tolle Symbiose ein, die eigentlichen Schlussfolgerungen macht oftmals das Spiel selbst.

Um nicht den Überblick zu verlieren, finden sich in den Menüs eine Karte des Herrenhauses, ein Kalender und eine Kartei aller Personen. Diese wiederum enthält alle Informationen, die sowohl für das Lösen des Vermisstenfalls als auch für die (Nicht-)Teilnahme an der Seance wichtig sind. Auch eine Übersicht über gefundene Gegenstände sowie mögliche Hinweise in der Spielwelt werden penibel aktualisiert. Im Gespräch lässt sich dann auf das gesamte Repertoire zurückgreifen: Man kann andere Personen erwähnen, über Gegenstände reden und historische oder Séance-spezifische Fakten ansprechen. Alles liefert neue Erkenntnisse, alles wird beim erneuten Öffnen der Menüs hübsch animiert eingetragen und befriedigend vervollständigt. Und alles kostet wertvolle Minuten.
Via Ausschlussverfahren lassen sich nach und nach Verdächtige, die am Verschwinden von Miss Dean beteiligt sein konnten, eingrenzen. Wunderbar gelungen ist, wie man zwar anfangs von der Masse an Gästen überrumpelt ist, aber nach und nach alle Personen gut zuordnen und unterscheiden kann. Das liegt vor allem daran, dass jede Figur eine besondere Geschichte hat und alle auf unterschiedliche Weisen mit der Séance, dem Herrenhaus oder gar der Historie des Landstriches in Irland verwoben ist. Es macht sehr viel Spaß, diese Zusammenhänge aufzudecken, bis sich am Ende ein klares Bild ergibt und alles sich logisch zusammenfügt.
Ebenfalls wichtig für die Erinnerungswürdigkeit der Figuren und auch des Spiels generell ist die Optik. Der gelungene Comicbuch-Look von The Séance of Blake Manor schafft eine ganz eigene Atmosphäre, die schaurig-schön zum Herrenhaus-Setting des Spiels passt. Gleichzeitig werden die Personen visuell stark voneinander abgehoben, was nicht zuletzt auch an der starken Varianz bei Kleidung, Auftreten und Sprache liegt. Diese wird untermauert durch fantastische englische Vertonung und nahbar geschriebene Texte – alles wirkt hier sehr stimmig und passend zur grotesken Szenerie. Man verliert sich einfach gerne mehrere Abende im Herrenhaus und versucht, ein paar ausschlaggebende Hinweise und Fakten aufzudecken, bis dann am Ende das große Finale ansteht – mit oder ohne erfolgreicher Detektivarbeit.

Unser Fazit zu The Séance of Blake Manor:
Das Zusammenspiel von unwohlig-schöner Comic-Optik, dem punktgenauen Einsatz von Soundeffekten und der schaurigen musikalischen Begleitung machen The Seánce of Blake Manor ab dem ersten Moment zu einem einladenden Spiel. Die spannungsvolle Nutzung des Faktors Zeit macht es unvergesslich! Selten greifen derart viele Elemente eines Spiels so stimmig ineinander, ergänzen sich und machen das Erlebnis am Ende zu etwas derartig Besonderem.
Die rätselhaften Personen zu entschlüsseln und dabei gleich mehrere große Mysterien aufzudecken, macht Spaß und auch abseits des Spiels habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was als nächstes wohl zu tun sei und wie man die begrenzte Zeit am besten nutzen könnte.
Schade ist dabei, dass in Bezug auf die eigentliche Detektivarbeit Fehler kaum passieren und das Spiel beim Finden der Hinweise bereits automatisch die richtigen Schlüsse auf dem Clueboard zieht. Nur in ganz wenigen Situationen, in denen man die falsche Schlussfolgerung machen kann, weist die eigene Spielfigur verbal auf den Fehler hin und man kann sogleich eine andere Auswahlmöglichkeit nutzen. Das Spiel läuft also recht linear ab. Weiterhin kommt negativ hinzu, dass gegen Ende hin plötzlich zu viel Zeit ist und man diese zuweilen sogar überspringt. Vielleicht lag das aber auch nur an unseren herausragenden Fähigkeiten.
Ebenso negativ fällt auf, dass besonders wichtige Hinweise erst nach und nach gefunden werden können und pfiffige Detektive somit gar nicht frühzeitig auf die Lösung des kompletten Falls kommen können. Spielerisch sinnvoll, vom Gefühl her aber wenig befriedigend.
Besonders lohnenswert ist The Séance of Blake Manor im kooperativen Spielen mit Freunden, die tatkräftig im Stream oder direkt auf der heimischen Couch mitknobeln. Dadurch, dass Zeit nur vergeht, wenn man eine Aktion auslöst, lässt in der Gruppe so lange wie nötig über den nächsten Schritt debattieren. Und das alles unterhielt mich schlussendlich so gut, dass The Séance of Blake Manor sich für meinen Geschmack in die fantastischen zeitlosen Reihen von The Witness und Return of the Obra Dinn eingliedert. Grandios, bitte mehr davon!
