Dishonored 2: Die Wahl der Qual

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Der erste Teil von Dishonored war kurz nach der Veröffentlichung durch einen Billigpreis-Bug auf Steam ziemlich preiswert zu haben und entwickelte sich nach wenigen Spielminuten zu einem der kreativsten Titel, die ich zu dieser Zeit jemals gespielt habe. Die offene Gestaltung der Missionen setzt auch heute noch Maßstäbe. Umso erfreuter war ich, als ein Nachfolger endlich angekündigt wurde und man sich wieder in die lieblich-düstere Steampunk-Welt stürzen konnte. 

Wer den Vorgänger kennt und das kreative Gameplay zu schätzen weiß, der erwartet von Dishonored 2 kaum mehr als ein ähnlich gestaltetes Spiel mit Detailverbesserungen. In den verwinkelten Gassen und Häusern von Dunwall, wahlweise schleichend die Widersacher heimlich auszuschalten oder wie wild um sich zu schlagen und zu schießen – davon kann man als Fan einfach nicht genug bekommen. Statt sich allerdings durch die viktorianisch anmutende Stadt zu meucheln, kommen wir in Dishonored 2 in den Genuss der südlichen Inselmetropole Karnaca. Ob diese einen ähnlichen Charm vermitteln und dich abermals in die Welt hineinziehen kann, erfährst du in diesem Review.

Den Zeitsprung zwischen Teil eins und zwei wird man recht schnell bemerken, wenn man sich ein wenig im Universum von Dishonored auskennt. Die junge Emily, Tochter der ehemaligen Kaiserin, ist mittlerweile zu einer toughen Dame herangewachsen und sitzt nun ihrerseits im Thronsaal von Dunwall. Doch als ein ungebetener Gast, der die rechtmäßige Thronfolge von Emily anfechtet, im Saal auftaucht, ändert sich die Stimmung schlagartig. Zu allem Überfluss stellt sich auch noch ein Großteil der eigenen Gefolgschaft gegen Emily und wir sehen uns zum Handeln gezwungen. Mitten in einer überaus spannenden Zwischensequenz stoppt das Spiel und wir können wählen, mit welcher Figur wir Dishonored 2 erleben wollen. Zur Wahl stehen Corvo, den wir bereits im ersten Teil verkörperten, und eben Emily.

Ganz gleich, wie die Wahl ausfällt, steht das große Ziel für beide Figuren fest: Den Eindringling aus der Stadt befördern und die Herrschaft wiedererlangen. Doch bevor das geschieht, liegt noch ein weiter Weg vor uns – der uns nach der Flucht aus Dunwall ins bereits erwähnte Karnaca im Süden führt. Dort angekommen fühlt man sich direkt an die Handlungsstruktur des ersten Teils erinnert. Von einem geheimen Versteck aus geht es in einer Vielzahl von Aufträgen darum, die alten Verbündeten der jetzt auf dem Thron in Dunwall posierenden Delilah Kaldwin, der Schwester der verstorbenen Kaiserin und somit Tante von Emily, aufzuspüren und aus ihnen Informationen herauszuquetschen. Und genau hier glänzt Dishonored 2 wie auch schon der Vorgänger mit viel Entscheidungsfreiheit und Abwechslungsreichtum.

Wenn der Auftrag lautet, eine bestimmte Zielperson auszuschalten, könnten die Lösungswege kaum vielfältiger sein. Die einfachste Methode ist natürlich das Vorpreschen mit gezogener Klinge und geladener Pistole. Wer allerdings viele Wachen tötet und auch die Zielperson in Eigenregie hinrichtet, muss sich darauf einstellen, dass in späteren Missionen mehr Sicherheitspersonal unterwegs ist und deine Ankunft bereits erwartet wird. Das unauffällige Vorgehen mit Betäubungspfeilen und das Einschläfern der Gegner mit einem beherzten Schlag oder durch lautloses Würgen erregt keine Aufmerksamkeit und lässt dich wie ein Schatten durch die Gebiete huschen. Meisterst du dieses Vorgehen, kannst du Dishonored 2 beenden, ohne jemals einen Menschen getötet zu haben.

Dishonored 2 Soldaten
Wer aggressiv vorgeht, muss mit Gegenwehr von allerhand Wachen rechen.

Bevor man sich der Hauptaufgabe widmet, sollte man die Gebiete stehts nach Runen, Artefakten und anderen versteckten Geheimnissen absuchen. Erste werden gebraucht, um die Fähigkeiten von Emily und Corvo auszubauen und neue zu erlangen. Vom einfachen Teleport bis hin zur Verwandlung in eine grauenvolle Schattengestalt oder der praktischen Zeitverlangsamung ist alles dabei. Jede Fähigkeit hat dabei ihre Daseinsberechtigung und kann in vielen verschiedenen Situationen angewandt werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob man als Rambo oder stiller Assassine vorgeht – nützliche Fähigkeiten für die aktuelle Lage gibt es immer.

Das Durchstreifen der Umgebungen lohnt sich auch, wenn man mehr über die Zielperson oder einfach nur die Geschichte der Welt erfahren möchte. Oftmals lassen sich Gespräche belauschen oder geheime Eingänge zu ansonsten fast unpassierbaren und mit Wachen vollgestopften Gebäuden finden. Damit lässt sich dann ab und an eine komplette Kompanie umgehen, die ansonsten auf den Spieler losgegangen wäre. Obwohl die Level nicht unglaublich vielseitig und verzweigt sind, finden sich immer wieder unerwartete Wege und Schlupflöcher, die dir das Leben als viel gesuchte Person erleichtern. Neben dem offensichtlich tödlichen Weg, ein Ziel zu neutralisieren, gibt es auch stets einen Weg, die Person aus dem Verkehr zu ziehen, ohne sie zu töten. Natürlich musst du erst herausfinden, wie das funktioniert. Die benötigten Hinweise sind recht häufig gar nicht so weit entfernt, wie du vielleicht vermutest.

Besonders gelungen im Vergleich zum ersten Teil sind in Dishonored 2 die Eigenheiten der einzelnen Areale. Praktisch jedes Gebiet und jeder Auftrag bringt eine Eigenheit mit sich, die nicht selten das Kräftegleichgewicht zwischen dir und den Gegnern verlagern und du so deinen Spielstil immer wieder aufs Neue anpassen musst. Die mechanischen Soldaten, die in zwei Richtungen gleichzeitig schauen können und mit vier messerscharfen Klingen angreifen, haben da noch die geringste Auswirkung. Das Entdecken der vielen coolen Ideen macht viel der Faszination von Dishonored 2 aus, weshalb wir hier keine weiteren Beispiele erwähnen. Wer die doch eher repetitiven Gameplay-Loops aus dem ersten Teil nicht mochte, wird sich aber auf jeden Fall besser mit Dishonored 2 anfreunden können.

Dishonored 2 mechanische Soldaten
Mit denen ist nicht zu spaßen: Die mechanischen Soldaten sind starke Kämpfer.

Der Schwierigkeitsgrad war schon im ersten Teil ein großer Diskussionspunkt und kann auch in Teil zwei kaum eingeordnet werden. Die Gegner-KI wurde stark verbessert und Wachen suchen Gebiete, nachdem sie dich entdeckt oder etwas gehört haben, nun realistischer ab. Auch Wachhunde sind nun häufiger anzutreffen, die durch ihre feinen Sinne deutlich eher aufmerksam werden und Alarm schlagen. Hinzu kommen neue Gegnertypen mit speziellen Fähigkeiten, die man erst einmal lernen und verstehen muss. Wenn das einmal geschafft ist, lassen sich die Schwächen eines jeden Feindes aber schnell und präzise ausnutzen. Das trifft auch auf die Hauptziele zu, die zumeist nichts weiter sind als stinknormale Menschen und sich deshalb genauso einfach ausschalten lassen, wie jede beliebige Wache. Das mag dem einen oder anderen sauer aufstoßen, mir persönlich gefallen die am Boden gebliebenen „Bosse“, die lediglich durch ihre Wachmannschaft und andere Sicherheitsvorkehrungen zu einer Herausforderung werden.

Auf der technischen Seite hatte Dishonored 2 vor allem zur Veröffentlichung auf dem PC einige Probleme. Die neue Void-Engine stellt vor allem dynamische Beleuchtung wundervoll da und lässt dann ihre Muskeln spielen, wenn Räume von vielen Lichtquellen gesäumt sind. Die Weitsicht auf Gebiete, die nicht betretbar sind und nur als Hintergrundkulisse dienen, lässt allerdings zu wünschen übrig. Alles in allem wurde der leicht comichafte Look des Vorgängers beibehalten, an vielen Ecken und Enden aber perfektioniert. Mit ordentlicher Hardware sind es vor allem die detaillierten Innenräume und die interessanten Steampunk-Gerätschaften, an denen man sich nicht satt sehen kann. Mittlerweile wurden auch die gröbsten Framerate-Probleme ausgebügelt und man ärgert sich nur noch über die langen Ladezeiten. Beim Sound gibt es hingegen gar nichts zu bemängeln. Sowohl die wichtigen Hintergrundgeräusche als auch die fantastischen Sprecher können auf ganzer Linie überzeugen. Auch die Musik trägt zur dunklen Stimmung des Actionspiels bei.

Aus Spoilergründen wollen wir zur Handlung so wenig wie möglich verraten. Nur soviel: Wer die Erzählstruktur vom ersten Teil mochte und sich wie ein waschechter Assassine fühlen möchte, der kommt mit der Geschichte gut zurecht. Da das große Ziel bereits von Beginn an feststeht, sollte man sich aber bis auf einige unerwartete Twists nicht auf die gigantischste Story freuen. Gameplay steht im Vordergrund, alles andere ist schmückendes Beiwerk. Mit zwei unterschiedlichen Hauptcharakteren und verschiedenen Enden bietet Dishonored 2 ohne Zweifel genügend Material für weit über 30 Stunden Unterhaltung.

Dishonored 2 Blutfliegen
Dunwall wurde von Ratten heimgesucht, in Karnaca sind es lästige Blutfliegen.

Mein Fazit zu Dishonored 2:

Dishonored 2 baut die Stärken des Vorgängers aus und bringt unzählige frische Ideen ein, die jeden Typ von Spieler lange beschäftigen. Vor allem kreative Köpfe, die spielerische Freiheit zu schätzen wissen, kommen voll auf ihre Kosten. Das warme Karnaca offenbart beim genaueren Hinsehen genauso erbarmungslos seine kalten Seiten, wie es einst Dunwall mit seiner nicht enden wollenden Rattenplage tat. Freunde des ersten Teils kommen um Dishonored 2 sowieso nicht herum, alle anderen sollten zumindest ein prüfendes Auge auf die von Intrigen und Verrat gezeichnete Welt rund um Emily und Corvo werfen.